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Freiheit für 21,5 Stunden

  • 31.10.201431/10/14

IMG_6023Geschichten die das Leben schrieb: „Freiheit für 21,5 Stunden“

Nachdem ich gerade nach dem Rasenmähen alles aus dem Garten für die Überwinterung in den Keller schaffte, fiel er mir in die Hand. Er sah nicht mehr so Bedeutungsschwanger aus wie damals als ich ihn zum ersten Mal in Händen hielt, ihn aus seiner Schutzhülle befreite und jeden seiner Winkel untersuchte. Eigentlich sah er eher jämmerlich aus, hatte Löcher und die Lagerung im Keller hatte seinem einst so stolz leuchtenden Blau eine dicke graue Staubschicht beschert, die sich auch nicht durch energisches Pusten entfernen ließ. Irgendwie roch er auch nicht mehr nach Freiheit, eher nach Motte im gehobenen Alter.

Wovon ich rede? Von diesem wahnsinnig genialen und ach so multifunktionellen Trekking-Rucksack aus den End 90ern oder frühen 2000ern. Diese Teile mit den unzähligen Fächern, Zugbändern, Flaschenhaltern, externen Haltegurten für Schlafsäcke und dem scheinbar nie enden wollenden Stauraum des Kofferraumes einer Mittelklasse-Limousine.

Und schon schwelgte ich in Erinnerungen, die ich gerne mit euch teile:

Ich hatte ihn damals gekauft, ein Junge auf einer Mission, auf dem Weg in die Freiheit – ihr wisst schon, diese Freiheit aus den alten Fernsehspots, die mit den unrasierten jungen Männern und gebatikten Frauen, die einfach mit der Sonne ziehen und am Abend unter unfassbar funkelnden Sternen ein gut gekühltes Getränk in den unendlichen Weiten der Freiheit, wahlweise in einer Sandwüste oder auf einem einsam durch die Wellen schwankenden Holzbötchen trinken (wie auch immer die noch eine Kühltruhe in diesem Rucksack untergebracht hatten) – genau diese Freiheit hörte ich rufen, als ich unrasiert, weil damals kein nennenswerter Bartwuchs vorhanden, mit diesem Rucksack in der Hand in meinem Kinderzimmer stand. Ich hatte alles – diesen Rucksack, das Zelt, die paar Kröten für den Sixpack Bier, die ewig haltbaren Milchbrötchen, die Eltern, die mich dazu trieben dem Ruf der Freiheit folgen zu wollen und ihn, den einen Freund, der diesen Ruf nach Freiheit bedingungslos mit mir teilen würde. Was ich nicht hatte? Die freie Festnetzleitung! Meine Mutter telefonierte mit irgendeiner Freundin und so tippelte ich eine halbe Stunde nervös in meinem Zimmer auf und ab, bis sie endlich fertig war mit ihrem Moerser-Mittagsblatt-Update-Telefonat. Natürlich hatte ich auch ein Handy, aber damals war es einfach viel zu teuer um es für mehr als eine Runde Snake zu benutzen. Ich zog also die Schnur des popelgrünen Telefons um die Ecke in mein Zimmer, verschloss die Tür und wählte seine Nummer. „Ich hab ihn! Den Rucksack mit dem man losziehen kann, wochenlang frei und unabhängig irgendwo überleben kann. Packen wir ihn und hauen ab?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagte „Ja!“ und es war beschlossene Sache – wir würden frei sein.

Es war kurz nach Rosenkohl und Schnitzel bei uns zuhause – also ca. 14:30 Uhr – wir packten den Rucksack mit allem was man so brauchte – das war damals nicht viel und ich glaube wir wären auch einfach nur mit dem leeren Rucksack losgezogen, denn immerhin war er ja das Symbol der Selbstbestimmung – und machten uns auf den Weg. Wir rannten die Treppen hinunter, schlossen die Haustüre zu und blieben nach drei Schritten im Vorgarten stehen. „Und jetzt? Wo lang?“ Gute Frage – die Freiheit war kein auf einer Karte eingetragener Ort und eine Wüste war mir in der Umgebung von Moers jetzt auch nicht bekannt. Also erstmal zur Tankstelle, man brauchte ja dieses gut gekühlte Getränk. Schokoriegel, Cola und unzählige Backwaren passten ebenfalls noch in eines der gefühlt tausend Fächer des Rucksacks – damit könnte man schon eine Weile klarkommen. Und weiter ging es Richtung Freiheit. Wir verließen die Tankstelle und blieben nach drei Schritten stehen. „Und jetzt?“ Verdammt, wir waren einfach planlos. Egal, dieser Rucksack war unser Kompass und zudem scheiße schwer. Also erstmal an den Bordstein vor die Tankstelle setzen und einen Schokoriegel futtern – Denkfutter. Dann fiel es mir ein: „Da in Baerl ist ein See, da können wir das Zelt für die Nacht aufschlagen – die Strecke schaffen wir heute und von dort können wir dann morgen weiterziehen.“

Gesagt, getan! Es waren so ca. 8 Kilometer Luftlinie bis zu diesem See den ich da im Kopf hatte – das würde schon passen. Hatte ich erwähnt wie scheiße schwer dieser Rucksack war? Wir liefen also mit unserem Schneckenhaus-Rucksack im Schneckentempo in den Sonnenuntergang. Wir konnten beim Laufen der Sonne beim Untergang zusehen und dabei fiel mir das erste Teil ein welches ich vergessen hatte – die Taschenlampe. Die Sonne war schon längst untergegangen, als wir endlich in die Nähe des Sees kamen. Wir kämpften uns durchs Gebüsch, stolperten über die Wiese und fanden eine sandige Bucht. Das war sie – das war unsere Wüste – die erste Station Freiheit. Wir warfen den Rucksack ins Gras, ich führte einen kurzen Freudentanz im Sand auf und dann widmeten wir uns dem nicht mehr ganz so kühlen Getränk, unter nicht ganz so unfassbar funkelnden Sternen. Eigentlich waren da keine Sterne, es war total bewölkt und irgendwie fühlte es auch nicht so rebellisch an, mit der warmen Plörre und dem Milchbrötchen in der Hand. Vollkommen gleichgültig, wir hatten es getan. Wir waren losgezogen und sind ohne ein Lebwohl mit der Sonne gezogen. Doch jetzt war es Zeit fürs Bett, es wurde nämlich echt kühl da am See, in unserer persönlichen Sandwüste. Also ran an den Rucksack und das Zelt aus dem mittleren Fach gezogen und schwupps, da war das zweite fehlende Teil nach der Taschenlampe – die Heringe. Ach was soll es – wir waren wild – also zogen wir los und brachen Äste ab, um sie als Ersatzhering in den doch recht harten Boden zu stecken. Natürlich kratze sich der dicke Junge, also ich, bei dem Versuch die Handinnenfläche auf – Brötchenverpackung drumgewickelt und weiter – das Nachtlager stand – Windschief in mittlerweile nahezu windstiller Nacht. Wir verkrochen uns nach der letzten warmen Plörre in unsere, im externen Halter des Rucksacks transportierten, Schlafsäcke und schliefen ein.

Der Wind musste in der Nacht zurückgekommen sein und hatte die nicht wirklich tief im harten Boden steckenden Ersatzheringe herausgeweht – so erwachten wir also wie eingeschweißte Milchbrötchen in unserem Zelt aka Dackelgarage. Wir krabbelten in den Morgen und es war herrlich frisch in unserer Bucht. Also der Morgen war frisch – wir jetzt eher weniger – fehlendes Teil Nummer Drei – das Deo. Die Sonne hatte sich gerade über dem Wasser erhoben und war nicht alleine gekommen. Wir hatten unser Zelt mitten in einer Schwanenbucht aufgebaut. Mutti- und Papi-Schwan waren nicht erfreut über unser Nest in ihrem Nest. „Oh schau mal, Schwäne. Wie toll!“ hörte ich mich noch rufen und war bereit unsere letzten Backwaren mit den eleganten Tieren zu teilen. Das laute Kreischen und die aufgestellten Federn verhießen nichts Gutes und ließen keine Möglichkeit der freiheitlichen Verbrüderung zu – mit rasendem Tempo kam das Familienoberhaupt auf unseren Lagerplatz zu geschwommen und die Schreie wurden lauter – vielleicht war es keine gute Idee die junge Schwanfamilie einfach so mit unserer Anwesenheit zu erfreuen. Wir packten alles so schnell wie möglich in den Rucksack und verschwanden – wir rannten um unser Leben trifft es eher.

An der Straße angekommen kehrten wir zu unseren Ausgangsfragen zurück „Und jetzt? Wo lang?“ Wir schauten uns an und stellten fest wie bitter der Nachgeschmack der vermeintlichen Freiheit ist. Wir hatten Rückenschmerzen, da wir auf einer Wurzel gepennt hatten und weil dieser Rucksack einfach scheiße schwer war (hatte ich das schon erwähnt?) – wir stanken wie Schweine nach einem ausgiebigen Bad im Schlamm, die Schwäne hatten die letzten Backwaren auf unserer Flucht erobert, es war auch kein kühles Getränk mehr vorhanden, um den Motor der Freiheit erneut anzuwerfen und außerdem fiel mir keine weitere Sandwüste in fußläufiger Umgebung ein. „Und nun?“ Nun ja, wir hatten alles in unserer Macht liegende gegeben und sind dem Ruf der Freiheit gefolgt – er wurde Zeit meinen Vater anzurufen, damit er uns abholt – zurücklaufen war keine Option, das wäre ja als würde man den Weg der Freiheit im Rückwärtsgang beschreiten und seinem Versagen ins fies grinsende Gesicht schauen – außerdem taten uns die Füße weh und wir hatten Hunger. Wir schleppten uns also noch unter die Autobahnbrücke zwischen Baerl und Moers und legten uns an den Straßenrand um auf die Rettung zu warten. Kurze Zeit später fuhr mein Vater vor und wir luden alles in den Kofferraum und ließen uns auf die Rückbank fallen.

„Und? Wie war euer Wochenende? Habt ihr was Tolles erlebt?“ Ja, das hatten wir – wir sind der Sonne entgegen gegangen, tanzten in unserer eigenen Sandwüste und tranken unter den Sternen ein gut gekühltes Getränk. Den Part mit den Schwänen die uns vermöbeln wollten sparten wir aus. Was bleibt? Wir waren frei – Freiheit für 21,5 Stunden und die würde uns niemand mehr nehmen können – auch nicht die Schwäne.

Danke an Daniel – an diesen einen Freund, der den Ruf der Freiheit damals mit mir teilte. Ich werde diesen Trip nie vergessen.

Markus Grimm, der dicke Junge mit dem tollen Rucksack.

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