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Sie sind das Kapitel – Ihr seid das Buch!

  • 07.01.20147/01/14

Ich bin oft gefragt worden ob ich nicht einen Beitrag zum Thema „Mobbing“ leisten könnte – ich habe entschieden, ich kann!

Es ist 2014 – ein neues Jahr hat gerade begonnen und damit beginnt für tausende junge Menschen auch wieder der Schulalltag nach den Ferien, für eine große Zahl derer beginnt damit wieder der Horror – Lästereien, Mobbing und sogar Schläge bis zum erlösenden letzten Schulglockengong des Tages – vielleicht oder bestimmt endet das Grauen auch dann noch nicht, auch dann nicht, wenn man die Türe seines Zimmers hinter sich zu macht und sich in vermeintlicher „Sicherheit“ befindet – heutzutage geht die Hetze im Netz weiter, auf Facebook und Co. – virtuell und doch genau so schmerzhaft, wie die realen und direkten Beleidigungen zwischen 8:00 Uhr und 13:15 Uhr. Für all die „Gejagten“ und „Außenseiter“ möchte ich einen Teil einer Geschichte erzählen – die Geschichte eines Jungen, dem es so erging wie euch und die euch vielleicht etwas Mut macht:

IMGViele werden in der Schulzeit gehänselt, weil sie in den Augen der anderen hässlich oder gar schwul sind – der Junge über den ich euch berichte hatte es doppelt schlecht getroffen – er war hässlich und später fand er heraus dass er schwul ist. Alles begann mit einem Unfall, einer Sache die jedem passieren kann, vor der niemand sicher ist – an einem Ort der für Entspannung sorgen sollte, im Urlaub am Chiemsee. Dort saß er im Sand, drei Jahre alt und spielte. Aus irgendeinem Grund stand er auf und ging in Richtung seiner Eltern, dabei kam er an einer Schaukel vorbei und war nicht schnell genug im tiefen Sand, um dem nahenden Holzbalken der Schaukel auf der ein junges Mädchen saß und schaukelte auszuweichen. Die Schaukel traf ihn mit voller Wucht mitten im Gesicht – knapp oberhalb des Mundes und er wurde zurück in den Sand geschleudert. Panik, Schreie der Eltern und viel Blut floss in den Sand – sein Vater trug ihn blutüberströmt zum Arzt – er hätte sich das Genick brechen können und später soll er sich sogar oft gewünscht haben, dass es so gekommen wäre – wären ihm doch die Rufe auf dem Schulhof „Schimmelzahn“ und die Tritte oder Würfe in die Schulmülltonne mit dem Kommentar „Schimmel gehört in den Müll“ erspart geblieben.

Warum diese Rufe? Die Milchzähne im Oberkiefer waren ausgeschlagen und durch das Unfalltrauma blieben die Folgezähne zu lange im Zahnfleisch um dort zu „übersauern“ und eben verschimmelt auszusehen, als sie dann später als bei jedem anderen Kind ihren Platz im Mund einnahmen. Die Grundschule war schlimm für ihn – die weiterführende Schule die Hölle – je älter die Mitschüler, umso schlimmer die Verletzungen, umso härter die Schläge, die Bauchschmerzen wenn der Wecker am Morgen klingelte, die panischen Blicke über die Schulter auf dem Weg in den Schulbus, die Angst aufs Schulklo zu gehen, die Schulpausen auf der Flucht vor den „Normalen“ – Ferien die einzige Chance um durchzuatmen. Der Zahnarzt war ein ständiger Begleiter in dieser Zeit und konnte doch nichts „finales“ für den Jungen machen, da der Kiefer erst ausgewachsen sein musste um mit Kronen ein „normales“ Bild herstellen zu können, so bedeckten gelbliche Provisorien das Schlimmste und machten das Bild doch nicht besser.

So fieberte der Junge seinem achtzehnten Lebensjahr entgegen in der Hoffnung, dass dann endlich etwas geschehen konnte – und so war es auch – die vier Frontzähne wurden mit Kronen überdeckt und der Junge konnte lächeln. In der Zwischenzeit waren die Zähne allerdings nicht das einzige Problem gewesen – seit seinem dreizehnten Lebensjahr hatte sich etwas verändert, er merkte dass er nicht auf Mädchen stand, sondern sich zu seinem Geschlecht hingezogen fühlte und allein mit diesem Wissen und ohne jemanden um darüber zu sprechen, war der Frust und die Pizza ständiger und nahezu einziger Freund – in kurzer Zeit kam er so auf 108 KG – was für eine Kombination, der fette Schimmelzahn – jeden Tag flüchtete er aus dem Lehrerausgang, weil auf der anderen Seite die berüchtigte Schulhofbande lauerte um dem „Fetti einen auszuwischen“. Die Lehrer die ihn auf der Flucht erwischten zeigten kein Verständnis, sondern forderten das Abschreiben der Hausordnung als Strafe für das verbotene Verlassen des Gebäudes. Das war 1994, eine Zeit in der nur Musik die einzige Zuflucht für ihn blieb – immer wieder geben Jugendliche in diesem Alter auf und geben ihr Leben weg – die Überlegung liegt nahe, wenn selbst die musikalischen Helden ihr Leben weggeben – wie Kurt Cobain es in diesem Jahr 1994 tat, als der Junge 14 Jahre alt war und Kurt auf seinem Walkman diese unerträgliche Welt etwas erträglicher machte – es scheint eine einfache Alternative, eine Lösung mit nur kurzem Schmerz zu sein – eine Alternative die viele in dieser Situation gewählt haben und auch heute noch wählen. Aber diese Zeit des Hasses, der Einsamkeit und Ablehnung ist nur ein Kapitel in eurem Leben und ein Kapitel macht noch kein ganzes Buch – es ist nur eine Momentaufnahme, kein finales Fotoalbum –  die anderen Seiten sind noch leer und ihr habt es in der Hand diese zu beschreiben und mit Bildern zu befüllen.

Die Schulzeit endet und somit trennen sich die Wege der Jäger und Gejagten – ihr müsst nur bis zu diesem Moment aushalten – es ist ein Moment des Triumphes – bei der Zeugnisübergabe fiel dem Jungen ein Stein vom Herzen – es war vorbei und das Leben lag vor ihm – nie wieder im Leben ist man so lange an einen Ort und Menschen gebunden, die man sich selbst nicht aussuchen kann, wie in der Schulzeit – danach ändert sich alles – ob im Job oder dem Studium – man kann sich zwar die Kollegen nicht aussuchen, aber mit wachsendem Alter wächst auch das Selbstvertrauen und man definiert sich und wird über das definiert was man kann und erreicht, nicht mehr wie in der Schule nur über die Oberflächlichkeit von Klamotten, Coolness oder Aussehen. Der Junge hatte auch etwas für sich entdeckt und in all den Jahren für sich bewahrt – die Musik – er konnte singen und schreiben und sich so einen Ort der Geborgenheit schaffen, die Schläge und der Hass wurden zu Zeilen seiner Songtexte – er hielt an diesem Traum fest, anstatt das Leben wegzugeben – sein Talent wurde entdeckt, zunächst von einer Lehrerin, die sein Talent erkannte, ihn auf die Bühne holte und ihm so einen Platz über den Köpfen der Hasser eröffnete – ihre Gehässigkeiten schafften es nicht bis auf die Bühne hinauf – dieser Ort bedeutete Freiheit und die Möglichkeit zu sich selbst zu finden – später fasste er den Mut und stellte sich einem Millionenpublikum, um sich gegen 34.000 andere mit seinem Gesang durchzusetzen und zu gewinnen, um danach seinen festen Platz auf den Bühnen des Landes und mit Stift und Papier an seinem Rückzugsort einzunehmen um Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen, mit dem was ihn ausmachte – seinen eigenen Texten, seinen eigenen Liedern und Geschichten.

Und dann eines Tages, vor irgendeiner Bühne entdeckte der Junge ein ihm bekanntes Gesicht – ein Gesicht, das zu einer Person gehört die ihm, mit einigen anderen zusammen, die Schulzeit zur Hölle auf Erden gemacht hatte und nach der Show trat der Junge als mittlerweile erwachsener Mann auf dieses ihm vertraute Gesicht zu, die andere Person schaute zu Boden und sagte mit leiser Stimme: „Krass, was Du aus dir gemacht hast. Das war eine super Show!“ und nun kam das wohl wichtigste in diesem Kapitel – der Abschluss – der Junge reichte dem anderen die Hand und sagte: „Träume kann man nun mal nicht schlagen – ihr habt vielleicht „die Scheiße aus mir geprügelt“, aber an mein Innerstes kamt ihr nicht heran – die Träume sind mir geblieben und ich habe sie wahr gemacht.“ und zum ersten Mal dreht der Junge dem anderen ohne Angst den Rücken zu und ging seinen Weg weiter.

So wünsche ich allen „Gejagten“ dass sie an ihren Träumen festhalten und sich immer einer Sache bewusst sind: „Sie sind das Kapitel – Ihr seid das Buch!“

Und ja, der „Schimmelzahn“, der Junge aus dieser Geschichte, das bin ich!

Markus

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